Ich habe LinkedIn jahrelang schleifen lassen. Nicht aus Überzeugung, aus Reibung. Zwischen Kundenterminen einen Post zu schreiben, der nicht peinlich ist, kostet mehr Kopf, als man von außen denkt.
Heute tippe ich meine Posts nicht mehr selbst. Und das Merkwürdige ist: Sie klingen mehr nach mir als das, was ich früher freitagnachmittags zusammengequält habe.
Der Moment, an dem es kippte
Der erste Versuch war ernüchternd. Ich habe eine KI einfach drauflos schreiben lassen und bekam Posts, die klangen wie jeder zweite Feed-Beitrag: motivierend, glatt, austauschbar. Hätte ich das veröffentlicht, hätte jeder gesehen, dass es nicht von mir ist.
Der Unterschied kam, als ich den Spieß umdrehte: Der Agent bekam meine eigenen besten Posts als Trainingsmaterial und meinen echten Alltag als Rohstoff: Transkripte aus Gesprächen, Sprachnotizen aus dem Auto, halbfertige Gedanken aus meinen Notizen. Plötzlich standen da Formulierungen, bei denen ich dachte: Genau so hätte ich das gesagt. Weil ich es so gesagt hatte, nur eben mündlich, drei Tage vorher.
Die eigentliche Veränderung
Ich hätte erwartet, dass der Gewinn die Zeit ist. Die spare ich auch. Aber die eigentliche Veränderung ist eine andere: Die Hemmschwelle ist weg.
Früher war jeder Post eine Entscheidung gegen das leere Textfeld, und das leere Textfeld hat meistens gewonnen. Heute ist die Entscheidung eine andere: Ich lese Entwürfe und wähle aus. Ablehnen ist leicht, auswählen auch. Und so gehen Gedanken raus, die früher schlicht in einem Meeting verhallt wären.
Was ich nicht abgegeben habe: die Freigabe. Jeder Post geht durch meine Hände, manche schärfe ich, manche fliegen raus. Die Maschine entwirft, ich entscheide. Anders würde ich es niemandem empfehlen: es ist am Ende mein Name, der über dem Post steht.
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